Vor allem bin ich menschlich - und am Ende des Tages bin ich auch nur ein Mensch

Personalentwicklung Kathrin Scheel

Menschlichkeit in unternehmen - employer Branding

 

Als ich etwa 14 war, fing ich an, mir mit ersten Jobs etwas Geld dazuzuverdienen. Zeitungen austragen, Flyer verteilen, Aushilfe in einer Bäckerei, sowas. Meine erste Arbeitserfahrung in einem größeren Unternehmen machte ich erst ein paar Jahre später, während meines Work & Travel Aufenthaltes in Australien. In einem 5-Sterneresort. Als Putzfrau. 

Ich gehörte also zur untersten Riege der Angestellten. Was mich jedoch nachhaltig beeindruckt hat: Man hat uns das nicht spüren lassen. Keine Sekunde. In dem Resort wurden alle Mitarbeiter, vom Manager bis zu mir mit Vornamen angesprochen und geduzt. Wir konnten unsere Meinung sagen, unsere Wünsche äußern und wurden ernst genommen (es gab so ein ganz tolles Mittel für den Boden, wie es hieß, weiß ich gar nicht, denn es lief immer nur unter „the pink stuff“, der Farbe wegen. Und dieses wunderbare Putzmittel sollte nun ausgetauscht werden, das hatte die Geschäftsleitung so entschieden. Wir wollten das auf keinen Fall! Auf unseren Protest hin blieb es im Sortiment, wir wurden also gehört. Und obendrein gab es noch einen Putzmittel-Weiterbildungsworkshop inklusive Frühstück für uns).

Damals habe ich mich dort einfach nur wohlgefühlt, heute weiß ich, was zumindest ein Geheimnis des Resorts war: Menschlichkeit.

Menschliche Werte im harten Wettbewerb der Marktwirtschaft?

In der Wirtschaft die Menschlichkeit zu wahren, ist im Grunde sehr leicht: Wir wissen alle um die nötigen Werte: Verständnis. Wertschätzung. Dankbarkeit. Vertrauen. Offenheit. Und kosten tut es nicht einen Cent. Trotzdem ist es manchmal eben doch nicht ganz leicht, sich diesen Werten zu verschreiben, weil sie vielen Wirtschaftszielen scheinbar so konträr entgegenstehen. Was zählt die Menschlichkeit, wenn wir im harten Wettbewerb der Marktwirtschaft stehen? Wenn wir produktiv sein müssen, Entscheidungen schnell zu treffen sind, und wir der Konkurrenz immer eine Nase voraus sein sollen? 

Das „scheinbar“ haben wir natürlich nicht umsonst fett gedruckt. Denn natürlich geht beides und sehr wahrscheinlich bringt Menschlichkeit am Ende des Tages den wirklich großen Erfolg. Wenn es nämlich nicht nur unserem Geldbeutel, sondern auch unserer Seele gut geht. Ist das nicht auch eine Form von Ganzheitlichkeit, von der so viel gesprochen wird?

 

Drogeriemarktkette DM mit innovativem Ausbildungskonzept

Dass beides geht, ganz modern, ohne Nische, mitten unter uns, beweist immer noch am eindrücklichsten die Drogeriemarktkette dm. Nun ist über dm bereits so viel geschrieben worden, vor allem über das innovative Ausbildungskonzept, dass ich an dieser Stelle dazu gar nicht nochmal so sehr ins Detail gehen möchte. Wer sich näher mit dem von dm selbst entwickelten Ausbildungskonzept LidA (Lernen in der Arbeit) beschäftigen möchte, dem kann ich als Einstieg diesen Artikel empfehlen: DM-Drogerie-Markt. Sonja Trenker hat sich außerdem im Rahmen ihres Studiums intensiv mit dem dm-Ausbildungskonzept auseinandergesetzt. Ihre Arbeit in Buchform können Sie zum Beispiel hier erwerben.

Ein paar Worte möchte ich zu dm an dieser Stelle aber dann doch noch sagen, und zwar in Form des folgenden Zitates einer dm-Mitarbeiterin: „Unsere Produkte und Ladeneinrichtungen könnten unsere Mitbewerber kopieren. Doch was uns einzigartig macht, ist unsere innere Haltung, mit der wir hier arbeiten.“1

Ich glaube, dass sie den Nagel auf den Kopf trifft: Die innere Haltung ist das Zünglein an der Waage. Es ist eine Einstellungssache. Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Wenn ich der Welt und meinen Mitmenschen mit einer inneren Haltung der Achtung begegne, wenn es mir wichtig ist, dass sie sich entwickeln, dass sich ihre Biographien entfalten, dann kann es nur Fortschritt geben. Wo sich jeder einzelne, vom Kunden über den Lieferanten bis zum Mitarbeiter, vollwertig und geschätzt fühlt, da kann es nur Produktivität geben. Auf persönlicher, gesellschaftlicher und selbstverständlich auch wirtschaftlicher Ebene. Denn welcher Bereich ist mehr auf eine gesunde Entwicklung angewiesen als die Wirtschaft?

 

Der Mensch ist wundervoll – und er macht Fehler

Das katastrophalste an unserem Schulsystem, wenn Sie mich fragen, ist die frühe Bewertung unserer Kinder: Das war gut, das war schlecht, deine Schrift ist zu krakelig und deine Sonne sieht aber noch nicht so richtig nach Sonne aus ... Am besten wäre es, bereits hier anzusetzen – und dafür gibt es ja bereits eine Reihe von Initiativen.

Auf jeden Fall aber sollten wir uns und unseren Mitarbeitern auch nach der Schulzeit erlauben, Fehler zu machen und unsere eigenen Schlüsse aus den gemachten Erfahrungen zu ziehen.

 

Fehlerkultur in Unternehmen pflegen

Als Unternehmer oder Führungskraft kommen wir um das Fehlermachen ohnehin nicht umhin. Misserfolge gehören zum Prozess genauso dazu wie Erfolge; beides navigiert uns sicher durch den Unternehmensdschungel. Aber ermutigen Sie unbedingt auch Ihre Mitarbeiter dazu, Entscheidungen zu treffen – auch wenn diese sich im Nachhinein als unpassend erweisen.

Das klingt jetzt vielleicht merkwürdig, aber wenn Sie Ihnen erlauben, selber Lösungen zu finden und dabei auch mal falsch zu liegen, dann ermöglichen Sie wirkliches Lernen – und damit wirkliche Entwicklung. Und sollten Sie nun denken: „Aber ich kann doch nicht vollen Bewusstseins riskieren, dass meine Projekte gegen die Wand fahren!“, dann kann ich Ihre Gedanken verstehen. Aber ich kann Sie auch beruhigen.

Denn folgender Praxistipp, der übrigens auch in der dm-Ausbildung so gelehrt und praktiziert wird, wird Ihnen helfen, genau das zu vermeiden:

Ziehen Sie einfach den folgenden Rahmen: Bei großen (oder kostenintensiven) Fragestellungen lassen Sie Ihre Mitarbeiter erst theoretische Lösungen entwickeln. Geben Sie Ihnen hierfür Zugang zu wichtigen Informationen/Zahlen/Kontakten und dann lassen Sie sie eigenständig grübeln.

Anschließend reflektieren Sie die Lösungen gemeinsam mit Ihren Mitarbeitern und entscheiden dann, was umsetzbar ist und was nicht.

Kleinere Fragestellungen mit überschaubaren Folgen bei Missentscheidungen lassen Sie Ihre Mitarbeiter ganz eigenständig lösen. Sie können hier auch eine finanzielle Grenze ziehen, innerhalb derer sich Ihr Mitarbeiter frei bewegen kann.

Und ganz wichtig: Haben Sie Vertrauen. Wenn Zweifel in Ihnen aufkommen, dann denken Sie an dm: Umsatz im Jahr 2017: 10,3 Milliarden. Mitarbeiter: rund 59.000. Filialen: 3.450, verteilt auf zwölf europäische Länder.2

Diese Zahlen sprechen für sich. An dem Konzept ist was dran, das funktioniert.

 

Preview: Menschlichkeit konkret

In der nächsten Woche befassen wir uns nochmal ganz konkret mit den Themen Menschlichkeit und Wertschätzung im Alltag und wie Sie diesen Begriffen wirklich Leben einhauchen können.

 

 

Herzlichst,

Ihre Kathrin Scheel

Quellen: [1]Kerstin Langer, dm Filialdisposition, http://kulturwandel.org/project/dm-drogerie-markt/, [2]https://www.dm.de/unternehmen/ueber-uns/zahlen-und-fakten/

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Kathrin Scheel

Kathrin Scheel ist Management Executive Coach (ECA), Lehrcoach und Lehrtrainerin (ECA) sowie Trainerin für Führung & Entwicklung. Und sie ist Mitgründerin von zeitsprung. Ihr sind die Einbindung von Führungskräften und Mitarbeitern im Unternehmen sowie deren Entwicklung sehr wichtig.

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