Generation x,y,z? Wie Sie Vielfalt für Ihr Employer Branding nutzen

Strategie & Innovation Juliane Scheel

Wie sinnvoll ist Personalentwicklung? Welche Spielräume gibt es in der Personalentwicklung?

 

Generation x, y, z – wenn von Employer Branding die Rede ist, dann wird in aller Regel auch darauf hingewiesen, dass sich die Ansprüche der jungen Generationen an Arbeitsplatz und Arbeitgeber gewandelt haben. Das ist auch gut und richtig so, denn es stimmt: Während viele Vertreter der Vorgängergenerationen – und das gilt sowohl für die Nachkriegsgeneration als auch für die der Wende-, bzw. Postwendezeit – vor allem froh waren, „überhaupt etwas zu haben“, können die jungen Leute heute wählen, womit sie ihre Zeit verbringen und ihr Geld verdienen möchten. Diese Wahlmöglichkeit versetzt sie in die glückliche Lage, nicht mehr nehmen zu müssen, was es gibt, sondern selbst Ansprüche zu erheben. Und ja, für Arbeitgeber und Personaler bedeutet das, sich diesen Ansprüchen zu stellen und sie – im Abgleich mit den eigenen Werten und Möglichkeiten – mit Leben zu füllen.

Gleichzeitig sollten wir jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass die Realität nie schwarz-weiß ist. Ihr Team wird also mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht ausschließlich aus Xlern, Ylern oder Zlern bestehen, sondern bunt durchmischt sein. Es ist daher von Vorteil, sich nicht zu sehr auf ein einziges Wertesystem zu fokussieren und das als allgemeingültig zu postulieren, sondern allen Meinungen und Ansichten gegenüber offen zu bleiben.

Wie kann das geschehen? Unterschiede sind für jede Beziehung – geschäftlich oder privat – Inspiration. Die Kunst besteht allein darin, die Bereicherung von Meinungsverschiedenheiten zu erkennen und sich zunutze zu machen. Das kann nur gelingen, indem wir bewusst unsere Wahrnehmung schulen und uns darin üben, auch unsere eigenen Konzepte immer wieder zu hinterfragen und regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen.

 

Welche Rolle spielen Kategorien und Vorurteile?

Wir brauchen Kategorien, um unsere Welt in ihrer ganzen Komplexität überhaupt wahrnehmen und verarbeiten zu können. So haben wir zum Beispiel ein sehr klares Konzept davon, was ein Tisch ist: Er hat Beine und eine Platte, auf der wir etwas abstellen können. Gleichsam kann auch eine umgedrehte Getränkekiste sehr schnell zum Tisch werden, wenn wir sie als solchen benutzen - auch wenn die klassische Struktur (Beine und Platte) hier aufgebrochen wird. Wir haben also mentale Konzepte, die wir auf Gegenstände übertragen, um für uns schnell einordnen zu können, worum es sich bei diesem oder jenem Gegenstand handelt. Und diese Konzepte brauchen wir auch, um mit den vielen Eindrücken, die tagtäglich auf uns einprasseln, sinnvoll umgehen zu können.

Ähnlich gehen wir vor, wenn wir mit Menschen in Kontakt treten: Wir kategorisieren und reden dann zum Beispiel von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen. Von Schülern, Studenten, Auszubildenden. Von Männern und Frauen. Auf der Grundlage dieser Kategorien bilden wir uns ein erstes Urteil darüber, mit wem wir es zu tun haben: Wir haben ein Vorurteil. Entgegen seinem Ruf ist ein Vorurteil auch nicht per se etwas schlechtes, sondern im Grunde eine sehr nützliche und sinnvolle Strategie unseres Gehirnes. Denn wir helfen ihm dabei, unser Gegenüber einzuschätzen und angemessen anzusprechen. So werden wir uns, wenn wir ein Kind vor uns haben, wahrscheinlich darum bemühen, in klaren, einfachen Sätzen zu sprechen und ein Thema auswählen, dass unserem jungen Gesprächspartner schon zugänglich ist. Soweit so gut. Die große Crux mit diesen Kategorisierungen ist nun, dass sie eben nur Vor-Urteile sind. Das heißt, ihnen sollte zwingend eine revidierte, individualisierte, auf eigenen Erfahrungen beruhende Einschätzung folgen.

 

Wie treffen wir unsere Vorurteile?

Jeder von uns hat – mal ganz einfach gesprochen – in seinem Unterbewusstsein zwei Archive gespeichert: Ein individuelles und ein kulturelles. Das individuelle beinhaltet all die Erfahrungen, die wir selbst gemacht haben. Damit gleicht kein individuelles Archiv dem anderen. Unser kulturelles Archiv hingegen beinhaltet Bilder, Archetypen, spezifisches Wissen und Verhaltensweisen, die in unserer Kultur allgemeingültig sind und entsprechend von Generation zu Generation weitergegeben werden. Dieses Archiv teilen wir im Großen und Ganzen mit anderen Angehörigen unserer Kultur.

Wann auch immer wir nun ein (Vor-)Urteil fällen, tun wir dies auf der Grundlage dieser zwei Archive. Und je weiter unsere eigenen Archive von denen unseres Gegenübers entfernt sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir mit unserem Urteil falsch liegen, bzw. wichtige Punkte und Sichtweisen schlichtweg außer Acht lassen, weil sie bis dato außerhalb unseres eigenen Erfahrungsschatzes lagen und wir zu dieser Art des Wissens gar keinen Zugang haben können. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Führen Sie sich einmal die folgende Szene vor Augen:

Auf einer Insel namens Albatros empfängt ein Ehepaar Besucher. Ihre Körper sind nur in Tücher gehüllt und während sie ihre Gäste empfangen, läuft der Mann stets vor der Frau her. Das Ehepaar bietet seinen Gästen Stühle an und läuft nun einige Male um sie herum. Dabei summen beide leise vor sich hin. Sie gehen auf ihre Gäste zu. Einige der Besucher haben die Beine übereinandergeschlagen, woraufhin das Ehepaar zu den entsprechenden Gästen geht und sanft beide Beine auf den Boden stellt. Während die Gastgeberin dabei sowohl auf Männer als auch auf Frauen zugeht, kümmert sich der männliche Gastgeber ausschließlich um die Männer. Anschließend nimmt auch der Mann auf einem Stuhl Platz, die Frau kniet auf dem Boden neben ihm nieder. Dann reicht die Frau ihm eine Schale mit Erdnüssen. Der Mann nimmt die Schale an, isst ein paar der Nüsse und gibt sie anschließend seiner Frau zurück, die nun auch isst. Sie reicht die Schale danach an ihre Gäste weiter. Während die Gäste die Nüsse herumgehen lassen, legt der Mann seiner Frau eine Hand in den Nacken, woraufhin sie sich nach vorne beugt und mit der Stirn den Boden berührt. So verweilt sie einen Augenblick und wiederholt die Vorbeuge noch weitere drei Mal. Im Anschluss steht das Ehepaar auf, lächelt sich an und geht auf seine Gäste zu, um diese zu begrüßen.[1]

Was empfinden Sie beim Lesen der Geschichte? Was denke Sie über das Verhalten des Mannes – und der Frau? Was denken Sie über die Kultur auf Albatros?

Wenn es Ihnen wie den meisten geht, fühlen Sie wahrscheinlich irgendetwas in Richtung Empörung, Unverständnis oder sogar Ablehnung.

 

Was aber wäre, wenn …

Die Menschen auf Albatros summen, wenn sie zufrieden sind. Sie glauben fest an die Göttin der Erde. BesucherInnen werden als besondere Ehrerweisung daher immer beide Füße auf den Boden gestellt. Erdnüsse gelten als heilige Frucht und erfreuen sich auf Albatros großer Beliebtheit. Frauen haben einen besonderen Kontakt zur Göttin, weil sie wie die Erde Leben hervorbringen. Um sie vor Gefahren zu schützen, muss der Mann immer vor der Frau hergehen und auch ihr Essen muss er vorkosten. Die Frauen haben das Recht, auf der Erde zu sitzen, weil sie dann der Erdgöttin näher sind. Männer können nur über die Frauen Kontakt zur Erdgöttin aufnehmen. Mit Einverständnis der Frau dürfen sie ihre Hand in ihren Nacken legen. Die Frau berührt dann mit ihrer Stirn die Erde und kann so einen Kontakt zwischen der Erdgöttin und dem Mann herstellen. Auf Albatros dürfen Frauen sowohl Frauen als auch Männer berühren, während Männer nur Männer berühren dürfen.

Und, was denken Sie nun? Wahrscheinlich lagen Sie mit Ihrer ersten Einschätzung ziemlich daneben. Das liegt allein daran, dass Ihre Beurteilungsgrundlage, Ihr eigenes und in diesem Fall vor allem ihr kulturelles Archiv, eine solche Sichtweise nicht im Programm hatte.

Die Geschichte von Albatros ist zwar zugegeben ein sehr eindringliches Beispiel, aber im interkulturellen Kontext gar nicht so ungewöhnlich. Und auch im Kleineren passiert es recht häufig, dass Situationen vollkommen verschieden eingeschätzt werden; insbesondere in generationsübergreifenden (Arbeits-)gruppen. Denn auch hier gibt es häufig Diskrepanzen zwischen den jeweiligen inneren Archiven; ich nutze die Gelegenheit, um Sie noch einmal daran zu erinnern: kein einziges Archiv dieser Welt ist absolut deckungsgleich mit einem anderen!

 

Was heißt das nun für Ihren Unternehmensalltag?

So können Sie aus Andersartigkeiten lernen

  1. Informieren
    Den ersten Schritt haben Sie bereits getan, indem Sie diesen Artikel gelesen haben. Denn ich hoffe, ich konnte Ihnen bewusstmachen, dass Missverständnisse und Fehleinschätzungen sehr häufig nur Resultate unserer unterschiedlichen Archive sind und nicht zwangsläufig konfliktbeladen sein müssen. Wenn Sie sich das immer wieder vor Augen führen, können Sie sich in Flexibilität üben und sich angewöhnen, hinter den ersten Eindruck Ihres Vor-Urteils zu schauen.
  1. Innehalten
    Im zweiten Schritt kann es hilfreich sein, in brenzligen Kommunikationssituationen einen Moment innezuhalten, statt die gewohnte Reaktion abzuspulen. Lehnen Sie also Vorschläge und Forderungen, die Ihnen fremd erscheinen, nicht allzu schnell ab, sondern sagen oder tun Sie einfach erstmal einen Moment lang nichts. Diese kurze Pause macht es Ihnen möglich, aus Ihren gewohnten Mustern auszubrechen und andere Interpretations- und Handlungsoptionen zu bedenken.
  1. Hinterfragen
    Nach der Pause stellen Sie Fragen. Wenn Sie etwas nicht verstehen, fragen Sie nach! Was meint ihr Gesprächspartner? Mit welcher Begründung stellt er oder sie seine oder ihre Forderung? Was ist der Zweck seines, ihres Kommentars? Fragen sind der einfachste und direkteste Weg zu mehr Verständnis – und damit die effektivste Methode zur Vermeidung von Missverständnissen.
  1. Grenzen aufweichen
    Üben Sie sich darin, an den Grenzen Ihrer eigenen Ansichten „weich“ zu werden und sensibilisieren Sie auch Ihr Team dafür. Die Archive sind naturgemäß sehr begrenzt und können nie eine allgemeine Wahrheit widerspiegeln. Wenn wir das akzeptieren, können wir wirklich anfangen, von anderen zu lernen, indem wir deren individuellen Erfahrungsschatz mitnutzen und unser Wissen so kontinuierlich weiter ausbauen.

 

Und zu guter Letzt:

Haben Sie Geduld mit sich, wenn Sie sich in Ihrer neuen Offenheit üben! Oft sind unsere Handlungsmuster sehr fest in uns verankert und es kostet ein wenig Mühe, Sie aufzubrechen. Aber wenn Sie am Ball bleiben, werden Sie schnell feststellen, dass jede Begegnung um ein Vielfaches bereichernder ist, wenn Sie sich wirklich auf Ihren Gesprächspartner einlassen können.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Entdecken der tausend neuen Sichtweisen, die nun vor Ihnen liegen!

Ihre Juliane Scheel

 

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[1]Die Geschichte von Albatros ist eine sehr beliebte Übung aus dem interkulturellen Training. Sie ist rein fiktiv, hilft aber, zu verstehen, wie sehr wir mit unseren Einschätzungen danebenliegen können.

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Juliane Scheel

Juliane Scheel ist studierte Kommunikationswissenschaftlerin (M.A. Interkulturelle Kommunikation) und arbeitet als aktive Texterin und Lektorin sowohl im wirtschaftilchen als auch im akademischen Bereich. Zudem gibt sie Seminare und Schreibberatungen und ist damit zeitsprungs Fachfrau rund um die Themen Text und Kommunikation.

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