frag zeitsprung #7: Ständig getrieben oder entschleunigt?

Kathrin Scheel

Frag Zeitsprung - Reihe von zeitsprung - Fragen an Kathrin Scheel

 

An jedem ersten Montag des Monats beantworten wir Ihre Fragen rund ums Unternehmen. Ob es um Führung, Kommunikation, Motivation, Neugier & Innovation oder um Employer Branding geht – Sie schicken uns Ihre Fragen und wir greifen sie in unserem Blog auf. Schicken Sie uns Ihre brennende Frage an info@zeitsprung-c2.de

Ständig getrieben oder entschleunigt?

Heute hat uns Ulrike L. geschrieben:

„Ich bin Ende 30 und Führungskraft in einem mittelständischen Unternehmen. Mir macht meine Arbeit riesigen Spaß, ich bin mit voller Begeisterung bei der Sache. Leider erhalte ich von meinen Mitarbeitern und auch von meiner Führungskraft oft das Feedback, dass ich zu schnell voranpresche, die Anderen nicht genug mitnehme und so wirke, als sei ich ständig in Hast und Eile. Damit erzeuge ich bei Kollegen und Mitarbeitern Druck, was gar nicht meine Absicht ist. Gerne bin ich bereit, an mir zu arbeiten und hätte großes Interesse, an Ihrem Workshop "Entspannt führen" teilzunehmen, bin an diesem Tag aber verhindert.

Vielleicht könnten Sie mir aber in Ihrem Blog zu meinem Anliegen ein paar Tipps mit auf den Weg geben. Ich komme aus dem Leistungssport (bin in meiner Kindheit und Jugend erfolgreich geschwommen) und habe echt Freude am Weiterkommen. Ich habe die Befürchtung, dass ich so leicht nicht aus meiner Haut kann – ich bin einfach nicht der Meditationstyp!

 

zeitsprung antwortet:

Hallo Frau L.,
erst einmal vielen Dank, dass Sie Ihre Frage hier eingebracht haben. Danke auch für Ihre Bereitschaft, dass Sie das Feedback, das Sie in Ihrem beruflichen Umfeld erhalten, zum Anlass nehmen, an sich zu arbeiten. Dies umso mehr, als ich den Eindruck habe, dass Sie sich selbst (noch) wohl fühlen in Ihrer Haut, da Sie ja kein Medidationstyp sind, wie Sie es beschreiben, sind.

Aus meiner Sicht gibt es in Bezug auf Ihr Thema zwei Perspektiven: zum einen geht es um das Feedback Ihrer Mitarbeiter und der Führungskraft, zum anderen um Ihre Selbsteinschätzung „Ich bin nun mal kein Mediationstyp“. Auf das zweite Thema würde ich gerne in einem gesonderten Beitrag eingehen und mich heute erst einmal dem Feedback, das Sie erhalten, zuwenden.  

 

Das Feedback Ihrer Mitarbeiter und Führungskraft

Lassen Sie uns also mit dem Feedback beginnen. Gespiegelt wird Ihnen, dass Ihre Begeisterungsfähigkeit und das schnelle Voranpreschen dazu führen, dass Menschen in Ihrem Umfeld sich nicht abgeholt und unter Druck gesetzt fühlen.

Ihr innerer Konflikt ist, dass Sie auf der einen Seite Ihren Feedbackgebern entgegenkommen, auf der anderen Seite aber Ihrem eigenen Wunsch nach Aktivität und Leistung Rechnung tragen möchten.

Was Sie beschreiben, ist ein Spannungsverhältnis zwischen zwei Polen, die wir als  „Schnelligkeit“ und „Langsamkeit“ beschreiben könnten. In unserer Beratungspraxis haben wir es oft mit Spannungsfeldern zwischen Extremen zu tun, z.B. zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Stabilität und Veränderung etc. 

Wenn Sie ausschließlich schnell unterwegs sind, kann das als blinder Aktionismus wahrgenommen werden, konzentrieren Sie sich allein auf die Langsamkeit, so kann dies zum Stillstand führen.

Gut aufgestellt sind Sie deshalb, wenn es gelingt, eine Balance zwischen der Schnelligkeit & der Langsamkeit herzustellen.

Schnelligkeit <--------> Langsamkeit

 

Übung zur Balance zwischen zwei Polen

Wir möchten Sie im Folgenden zu einer kleinen Übung in 2 Schritten einladen, die Sie faktisch auf jede Situation anwenden können, in der zwei entgegengesetzte Pole aufeinandertreffen und es um die Herstellung der Balance geht:

Schritt 1: Gehen Sie in einen inneren Dialog - Lassen Sie die Schnelligkeit und die Langsamkeit einmal zu Wort kommen.

Exemplarisch könnte der Dialog so aussehen:
Schnelligkeit
sagt: Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, wenn wir mithalten wollen, müssen wir uns bewegen, also los! Ich habe keine Zeit, halte mich also bitte nicht auf.
Die Langsamkeit antwortet: Gemach, gemach, es macht auch Sinn, nach rechts und links zu schauen; hier gibt´s  ´ne Menge Neues, Interessantes, was Dir entgehen könnte, wenn Du zu schnell unterwegs bist!

Schnell wird hier offensichtlich: In der Ausganssituation ist noch keine Einigung erfolgt. Jede Seite vertritt ihre eigene Meinung. 

 

Schritt 2: Sorgen Sie als Mediator für eine Balance zwischen den Polen

Sie sind Mediator, also allparteiisch. Sie verstehen sowohl die eine als auch die andere Seite. Ihre Aufgabe ist es nun, den Austausch zwischen den Polen mit dem Ziel einer Einigung zu führen.

  1. Sammeln Sie Argumente
    Listen Sie als erstes die Vorteile auf, die generell für die Schnelligkeit und solche, die für die Langsamkeit sprechen.
    Wichtiger Hinweis: Die in der Grafik aufgeführten Punkte sind nur Beispiele. Wichtig ist, dass Sie sich die Zeit nehmen, Ihre eigenen Argumente für die jeweiligen Vorteile zu finden. In Bezug auf die Schnelligkeit werden Ihnen hier vermutlich viele Punkte einfallen, bei der Langsamkeit wird es für Sie wahrscheinlich eine Herausforderung, Argumente zu finden.


  1. Leiten Sie die Verhandlung zwischen den Parteien
    Moderieren Sie nun die Verhandlung zwischen Schnelligkeit und Langsamkeit. Da es in Ihrem Fall darum geht, der Langsamkeit mehr Platz einzuräumen, richten Sie Ihr Augenmerk hierauf. Hilfreiche Fragestellungen könnten sein:
    Welche Situationen in meinem Alltag sind geeignet, ein langsameres Vorgehen auszuprobieren? (z.B. in Meetings)
    Woran würden Ihre Feedbackgeber (Mitarbeiter und Ihre Führungskraft) merken, dass Sie ruhiger und entspannter unterwegs sind? Wann kann die Schnelligkeit sich eine Auszeit nehmen?
    Berücksichtigen Sie aber auch die Frage: Wann will ich weiterhin schnell sein?
    Hinweis: Es geht nicht darum, die Schnelligkeit durch die Langsamkeit abzulösen. Sie wird weiterhin Ihr Wegbegleiter sein, denn sie gehört zu Ihnen und hat Sie im Leben weit gebracht. Außerdem fühlen Sie sich wohl mit ihr. Deshalb gebühren ihr auch Anerkennung und Wertschätzung.
  1. Entwickeln Sie Lösungen
    Entwickeln Sie nun konkrete Schritte/Maßnahmen für die Situationen, in denen Sie Ihr Tempo drosseln möchten. Wenn Sie als Situation für mehr Langsamkeit z.B. Meetings gewählt haben, können Sie konkrete Schritte festhalten (z.B. höherer Redeanteil für Ihre Mitarbeiter, Übergabe der Leitung des Meetings an einen Mitarbeiter .....)
    Tipp: Fangen Sie hier mit kleinen Schritten an, sodass Sie sich immer noch wohl dabei fühlen.
  1. Sichern Sie den Transfer im Alltag
    Wie können Sie sich im Alltag erinnern, situativ zu entschleunigen. Suchen Sie sich hierfür 3 Erinnerungshilfen (z.B. Post-it auf dem Schreibtisch, ein entsprechendes Hintergrundfoto auf dem Bildschirm etc.)
  1. Reflektieren Sie Ihre Erfolge regelmäßig
    Reflektieren Sie in kurzen Zeitabständen – wir empfehlen einmal wöchentlich –, wie gut Ihnen die Balance zwischen den Polen bereits gelungen ist.
  1. Holen Sie Feedback ein
    Holen Sie sich auch das entsprechende Feedback von Ihren Mitarbeitern und der Führungskraft ein. Wird Ihre Entwicklung wahrgenommen?

 

Wir wünschen wie immer viel Erfolg und auch Freude bei der Entdeckung der Langsamkeit! Gerne greifen wir das Thema auch noch einmal unter dem Aspekt auf, was ein Dauersprint-Zustand für Sie selbst bedeuten kann.

Für weitere Fragen stehen wir wie immer sehr gern zur Verfügung

 

Herzlichst Ihre
Kathrin Scheel
zeitsprung

 

Weitere Blogbeiträge von zeitsprung zum Thema:

Effizienz durch Pausen

Endlich durchatmen - Atemtechniken für den Alltag

Wer oder was ist ein Alltagsroboter

Kindertage - zeitlos leben und entspannen

 

Und hier noch unsere Literaturempfehlung zum Thema Langsamkeit:

Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit

Auch empfehlenswert: Die Entdeckung der Langsamkeit im Theater am Rand:  http://www.theateramrand.de

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Kathrin Scheel

Kathrin Scheel ist Management Executive Coach (ECA), Lehrcoach und Lehrtrainerin (ECA) sowie Trainerin für Führung & Entwicklung. Und sie ist Mitgründerin von zeitsprung. Ihr sind die Einbindung von Führungskräften und Mitarbeitern im Unternehmen sowie deren Entwicklung sehr wichtig.

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