Digitalisierung bei Banken – von der App zum strukturellen Wandel

Innovation Dominic Böhmer

Der digitale Wandel hat auch den Bankensektor erfasst. Viele Banken bieten mittlerweile unterschiedliche Apps für ihre Kunden an. Doch sind die Banken mit diesem Angebot bereits richtig in der digitalen Ökonomie angekommen?

Status Quo der Banken bei der Digitalisierung

Banken beschäftigen sich schon seit einiger Zeit mit dem Thema Digitalisierung. Die Sparkassen bieten mit „App Sparkasse“ und „App Sparkasse+“ Möglichkeiten, die eigenen Konten bei der Sparkasse und sogar auch bei fremden Banken gebündelt vom Smartphone aus zu steuern. Der S-Budgetplaner hilft, den Überblick über die eigenen Finanzen zu behalten. Auch bei den Volksbanken gibt es beispielsweise mit der App „VR-Banking“ ähnliche mobile Angebote bis hin zum „VR-ProfiBroker“, mit dem sich das eigene Depot von unterwegs verwalten lässt.

Das digitale Zeitalter

Doch die Frage ist: Sind Kunden-Apps für die Digitalisierung von Banken ausreichend? In einer aktuellen Studie von Deutsche Bank Research heißt es: „Wir befinden uns in einem relativ frühen Stadium künftigen möglichen Digitalisierungs- und Virtualisierungspotentials und können nur erahnen, mit welchen intelligenten Algorithmen oder modernen Analysemethoden wir Ende der nächsten Dekade in unseren täglichen Lebensbereichen konfrontiert werden.“ Dieses Zitat lässt erahnen, dass Kunden-Apps nur der Beginn einer umfassenden Digitalisierungsstrategie sein werden.

Digitale Ökosysteme

Gerade digitale Ökosysteme wie Amazon oder Apple sind heute besonders erfolgreich, wenn es um die Monetarisierung von Digitalisierungsstrategien geht. Die Kernfrage: Können Banken nicht von diesen digitalen Ökosystemen lernen – und vielleicht selbst zum digitalen Ökosystem werden? Und wenn ja: Welche Voraussetzungen sind hierfür wichtig?

Unternehmen wie Amazon oder Google als etablierte digitale Ökosysteme, aber auch junge, dynamische Start-Ups wie Crowdfunding-Anbieter – bspw. Companisto und Kickstarter – oder Crowd-Investment-Plattformen – bspw. Wikifolio oder Moneymeets – haben einen entscheidenden Vorteil: Sie leben und denken ausschließlich online. Sie brauchen nicht den Spagat zwischen „alter Welt“ und „neuer Welt“ zu üben, der gerade auch die klassischen Banken mit ihren Filialnetzen von beschäftigt und von größeren und mutigeren Schritten in Richtung der digitalen Ökonomie abhält.

Wie arbeiten digitale Ökosysteme?

Gerade die großen digitalen Ökosysteme nutzen eine wichtige Strategie: sie bauen eine große Kundenreichweite auf, binden diese Kunden zum einen durch ihre Marktmacht und zum anderen durch besondere Software oder eigenständige Endgeräte (siehe Amazon mit dem Kindle) und bauen das Leistungsangebot für ihre Kunden dann schrittweise aus und monetarisieren es in atemberaubender Geschwindigkeit. Dabei setzen sie auch bewusst auf fremde Drittanbieter, die ihr eigenes Leistungsangebot über standardisierte Schnittstellen punktuell erweitern – siehe Amazon als Verkaufsplattform für Drittanbieter oder Apple bzw. Google mit ihren App-Stores. Und wenn die digitalen Ökosysteme einmal einen Kunden gewonnen haben, schotten sie diesen durch ihre eigene technische Infrastruktur sowie das umfassende Leistungsangebot gegen Wettbewerber ab. Wichtige Argumente für die Kunden dieser digitalen Ökosysteme sind dabei gemäß Deutsche Bank Research Komfort und Sicherheit. Aus meiner Sicht kommt hier auch noch der Aspekt Vertrauen in die großen Plattformen hinzu.

Lerneffekt 1 für die Digitalisierung von Banken

Genau diese Eigenschaften – Komfort, Sicherheit und Vertrauen – sind Aspekte, die etablierte Banken für sich reklamieren. Und was die Kundenreichweite anbelangt, so kann man auch bei Sparkassen und Volksbanken von jeweils eigenen Ökosystemen sprechen.

Lerneffekte von den digitalen Ökosystemen könnten so für Banken in der Öffnung für Drittanbieter bestehen. Das können zum einen andere Finanzdienstleister sein, hier gegebenenfalls auch Spezialisten für einzelne Themenfelder, oder zum anderen auch Unternehmen anderer Branchen, die das Leistungsangebot von Banken für einzelne Kundengruppen gezielt ergänzen. Ein ganz einfaches Beispiel wären hier Lohn- und Steuerbüros. So könnten Banken Existenzgründern und kleinen Geschäftskunden neben der Kontoführung auch direkt eine Lösung für die Buchhaltung bieten. So wäre auch die Wahrscheinlichkeit höher, dass die Bank Hauptbankverbindung des Kunden wird und bleibt.

Lerneffekt 2 für die Digitalisierung von Banken

Ein weiterer Lerneffekt für die Digitalisierungsstrategien von Banken könnte sein, dass sie ihre Wertschöpfungskette zerlegen und auch einzelne Teile hieraus als Angebote am Markt platzieren. Vielleicht könnte so der Immobiliengutachter einer Sparkasse beim Kauf einer Immobilie als neutraler Berater des Kunden schon im Vorfeld der Finanzierung agieren – natürlich gegen Honorar.

Lerneffekt 3 für die Digitalisierung von Banken

Durch Schaffung eines immer umfassenderen Bündels an Angeboten und durch Abdeckung von immer mehr wichtigen Bedürfnisfeldern aus dem Leben ihrer privaten und gewerblichen Kunden schließlich würden die Banken einen dritten Lerneffekt aus den digitalen Ökosystemen nutzen, die Abschottung ihrer Kunden gegenüber der Konkurrenz. Hierzu würde auch der Einsatz neuer algorithmenbasierter Analysemethoden beitragen, die zusätzliche, wertvolle Informationen aus bestehenden und neu hinzukommenden Daten filtern – Stichwort „Big Data“ – und die Grundlage für eine gezieltere Ansprache des Kunden und ein individuell zusammengestelltes Leistungs- oder Lösungsangebot ermöglichen.

Digitalisierung von Banken - es beginnt bei der Strategie

Die Anpassung am Kunden-Frontend kann nur der Beginn einer erfolgreichen Digitalisierungsstrategie für Banken sein. Es geht nicht nur um einen „digitalen“ Anstrich des klassischen Geschäftsmodells, sondern es geht um die Weiterentwicklung der Banken hin zu einem digitalisierten Geschäftsmodell. Digitalisierung hat nicht nur mit Vertrieb und der Bedienung weiterer Kommunikations- und Vertriebskanäle zu tun – Stichwort Multikanal. Vielmehr sind alle Bestandteile des Geschäftsmodells zu hinterfragen. Das fängt an bei der Strategie: In wieweit sind wir beispielsweise als Sparkasse oder Volksbank bereit, lokale Drittanbieter als Erweiterung unserer Wertschöpfungskette einzubeziehen? Oder sind wir bereit, einzelne Kernkompetenzen wie die Analyse wirtschaftlicher Unterlagen oder die Immobilienbewertung als separate Leistungsangebote zu präsentieren? Oder auch nur die Frage: Sind wir bereit, auch bei unseren Backoffice-Prozessen das Thema „Kundenorientierung“ stärker zu betonen und beispielsweise Serviceversprechen wie „Versandfertig in 2-3 Tagen“ oder Meldungen zum Bearbeitungsstatus wie „Ihr Finanzierungswunsch wurde gerade bewilligt, ihr Kreditvertrag wird nun erstellt.“ automatisiert in die Kundenkommunikation aufzunehmen.

Digitalisierung von Banken - weitgehende Auswirkungen auf die Organisation

Die genannten Fragen zur Strategie zeigen: Digitalisierung macht auch nicht vor den internen Prozessen halt. Und Digitalisierung bedeutet nicht nur Automatisierung, sondern beispielsweise auch eine stärkere durchgehende Kundenorientierung. Und das setzt eine Veränderung im Denken der Mitarbeiter voraus.

Was auch klar wird: Digitalisierung in Banken ist keine Frage, die sich isoliert in einem Bereich wie der IT- oder Organisationsabteilung beantworten lässt. Vielmehr ist für Innovation die interne Zusammenarbeit vieler unterschiedlicher Disziplinen und Kompetenzen notwendig.

Der Weg zu einer Digitalisierungsstrategie

In unseren Projekten werden wir immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie der „Weg in die Digitalisierung“ ganz konkret aussieht. Unsere Antwort darauf:

  • Sehen Sie Digitalisierung nicht als punktuelle Ergänzung ihres heutigen Geschäftsmodells, sondern denken Sie durchgehend digital.
  • Bilden Sie interdisziplinäre Teams mit unterschiedlichen Kompetenzen und laden Sie diese zur Diskussion ein.
  • Beziehen Sie nicht nur etablierte und erfahrene Führungskräfte in den Prozess ein, sondern vor allem auch junge, dynamische Mitarbeiter und Nachwuchsführungskräfte, die bereits von der Wiege an digital denken.
  • Schaffen Sie getrennt vom Tagesgeschäft Zeit und Raum für Strategiediskussionen zur Digitalisierungsstrategie Ihrer Bank
  • Nutzen Sie auch die Kompetenz Ihrer Kunden in diesem Prozess und integrieren Sie diese in die Diskussion
  • Stellen Sie bei einem sich abzeichnenden Zielbild auch die Frage: Wenn wir morgen früh in die neue Welt starten würden, was würden wir dann ab morgen anstoßen oder anders machen? Welche Fähigkeiten brauchen wir zukünftig und wie erlangen wir diese?
  • Schaffen Sie ein Inkubator-Modell, um neue, innovative Ansätze in Ihrem Unternehmen praxisreif zu entwickeln und zu pilotieren.

Sie wollen als Bank ihren Weg in Richtung Digitalisierung weiter beschreiten? Gerne begleiten wir Sie dabei, unterstützen Sie bei der Moderation der Strategiediskussion und der Entwicklung eines Zielbildes als auch bei der Initiierung konkreter Umsetzungsthemen.

 

 

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Quelle und weiterführende Hinweise

  • Dapp, Thomas F. (2015). Fintech reloaded – Die Bank als digitales Ökosystem. Deutsche Bank Research, Frankfurt am Main

 

Bildnachweis Titelfoto: Bloomua/shutterstock.com

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Dominic Böhmer

Dominic Böhmer

Dominic Böhmer ist Managementberater und Business Coach. Gemeinsam mit Kathrin Scheel hat er zeitsprung gegründet … für Unternehmen, die nachhaltige Veränderungen wollen und neben funktionierenden Prozessen & Strukturen auch Impulse für Führung & Zusammenarbeit suchen.

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